Jasmin - eine Berliner Kurzgeschichte

 Jasmin



Mit einem leisen Plopp schloss sich die Autotür und sie rutschte auf dem hellgrauen Sitz kurz hin und her, bis sie angenehm saß. Pflichtbewusst schnallte sie sich an und nannte dem Fahrer die Adresse. Es roch nach teuren Ledersitzen und leicht nach Mann mit Aftershave. Manche Männer hatten einen guten Eigengeruch, das mochte sie. 


“Können Sie bitte die Klimaanlage aufdrehen, auf kühl", wies sie höflich an und wendete den Blick durch das Fenster in die dunkle Großstadtnacht. Auf der Ammatur rechts von ihr drehte Sie unauffällig die Sitzheizung auf Maximum und versank in Ihre Gedanken. 

Eine ihrer Marotten, 18 Grad im Wagen und sie in der Umarmung des heißen Ledersitzes. Außerdem mochte sie es nicht, den Geruch des Fahrers weiterhin wahrzunehmen, das lenkte sie zu sehr ab. 


An ihr brauste Berlin vorbei, fasziniert betrachtete sie die Lichter und die Menschen; Requisiten in einem Großstadt Theater. Überhaupt mochte Sie Städte am liebsten nachts, wenn es auf den Straßen ruhig war und der Mantel der Dunkelheit den Schmutz der Metropolis kaschierte.


“Paris” blitze ein Gedanke in ihr Bewusstsein hinein.

Sie bekam Lust nach Paris zu fliegen und in einem Café in Montmartre auf der Straße zu sitzen, Slim Zigaretten zu rauchen und bei einem Decaf Espresso die Menschen zu beobachten. 


Egon würde zu Hause auf Sie warten, mit einer offenen Flasche Wein neben ihm und einer dicken Zigarre im Mundwinkel. Egon war ein Lobbyist, den sie bei der Premiere eines Filmes, in dem sie eine Nebenrolle spielte, kennen gelernt hatte. Sie lebte nun schon zwei Jahre mit ihm zusammen. 









Bei einem Glas Champagner kamen Sie bei der Afterparty ins Gespräch. Mit seinem intelligenten Charme, einer eloquenten Art und seinem maßgefertigten Brioni Anzug, hatte er ihre Neugierde geweckt. Er rief sie am nächsten Morgen an, um sie zum Abendessen ins Grill Royal einzuladen:


Das Grill Royal war eine von Berlins besten Adressen. In der Bunten beim Zahnarzt hatte Sie gelesen, dass dort schon Scarlett Johansson ein Steak gegessen hatte. Es war eines dieser luxuriös indirekt beleuchtete Szene Lokale, in denen die Geld Eliten aus Berlin Mitte abendlich verkehrten. 

Steaks zu 80€ mit Grünen Salaten zu 25€.


Sie trug ein schlichtes schwarzes Etuikleid von Jake's , das ihr ihre Mutter zum Bachelorabschluss bei Peek und Cloppenburg gekauft hatte. Ihre schulterlangen blond gefärbten Haare hatte Sie eine Stunde lang mit Rundbürste und Glätteisen bearbeitet, gekonnt hatte sie ihre edel-quirligen Gesichtszüge mit einem Stufenschnitt betont, dazu etwas Wimperntusche und Lipgloss. Ihr ärmelloses Kleid enthüllte einige bunte Tattoos, deren Stolz bereits verblasst war. Jugendsünden, die sie bei Castings regelmäßig verfluchte und die sie zu einem bestimmten “Typ” machten. Unfreiwillig war sie dadurch für Rollen der Junkiebraut und Barkeeperin prädestiniert. 


Etwas schüchtern und gleichzeitig elektrisiert trat sie an den Empfangstresen:

“Ich bin hier mit Egon Brenner verabredet", entgegnete sie nach einer kurzen Begrüßung des Maître’D und wurde daraufhin ins Innere des Restaurants geführt. 

Vorbei an Tischen mit weißen Tischdecken, neben denen meist ein Champagnerkübel stand. 

Das Publikum war weiß und entsprach einem divers-homogenen Mix aus Männern in teuren grauen Anzügen und Damen in Chanel Couture, reichen Hipstern in schrägen Balenciaga Outfits und älteren Männern in Prada Anzügen und weißen Hemden, deren obersten Knöpfe offen standen, mit jungen Begleiterinnen in kleinen schwarzen Kleidern.

Es lag ein Hauch von Sandelholz, Patchouli und Olivenöl in der Luft.








Es war nicht das erste Mal, dass sich Jasmin mit einem älteren Mann traf. 

Zuvor hatte sie sich ein Jahr lang mit einem 55 jährigen, mittelmäßig erfolgreichen, launisch-cholerischen Regisseur namens Thomas in Köln getroffen. Thomas half ihr während des Studiums mit finanziellen Mitteln und sie ertrug tapfer seine Launen und den rauen schlechten Sex.


“Jasmin!” begrüßte Egon sie mit einer entspannten Nonchalance.

“Wie schön, dass es so spontan geklappt hat, schön siehst du aus!”

Der Oberkellner rückte ihr den Stuhl zurecht und sie und Egon nahmen Platz. 

Egon sah aus wie einer dieser typischen Männer denen man in Berlins teuren Bars beim nippen an einem Glas Cognac zu 65€ begegnete: 1,80m groß, kurz rasierte Halbglatze, 20 Kilo Übergewicht, Rolex Submariner aus Stahl und einen Salt&Pepper farbenen 3 Tage Bart. Der oberste Knopf seines weißen gestärkten Hemdes stand offen und er trug keine Krawatte. Das ganze wurde von einer eleganten Persol Hornbrille und einem dunkelblauen Prada Anzug abgerundet, die Augen Durchschnitts-blau-grau.

Sie sahen alle gleich aus, die Kerle aus den oberen Stockwerken.


Sie spürte seine Blicke auf sich und merkte, wie ihre Präsenz etwas Licht in Egons abgestumpften Blick brachte.

Der Champagner kam, sie stießen an und langsam wurde sie entspannter.

Er stellte ihr aufmerksame Fragen zu ihrem Film und zu ihrer Karriere. Sie antwortete, beschönigte, verkaufte. Sie spielte die Illusion einer jungen sorglosen Kreativen die sich den Verführungen der Großstadt hingab. Sie spielte, denn sie wusste, dass es das war, was er erwartete. Sie fragte ihn welches sein Lieblingsbuch sei und stellte lauter kokette und spielerische Fragen. “Wenn du für einen Tag eine Superkraft haben könntest, fliegen oder unsichtbar sein, welche würdest du wählen?”


So nahm das Dinner seinen Gang,  abgerundet durch Lobster, Rotwein und Creme Brulée. 

Er begleitete Sie zum Ausgang, fragte nach Ihrer Adresse und bestellte ihr auf seinem iPhone einen Wagen. Sie umarmten sich, gaben sich Küsschen und hielt ihr die Tür des Ubers auf. 


Zwei Tage hörte sie nix von ihm, am dritten Tag kam ein Kurier mit einem Strauß Rosen und einer Tüte von Louis Vuitton.

Ihr lief ein aufgeregtes Kribbeln über den Rücken. Sie unterschrieb den Lieferschein, trug Blumen und Tüte in ihre Einzimmerwohnung und legte beides aufs Bett. Behutsam aber bestimmt entnahm Sie der Louis Vuitton Tüte eine Geschenkbox, verbunden mit einer schönen Schleife aus einem dicken Stoffband. Sie löste den Knoten und öffnete die Box. 

Darin fand sie eine in beiges Seidenpapier eingepackte kleine schwarze Abend-Handtasche mit goldener LV Schnalle. Sofort nahm Sie ihr altes Samsung Smartphone in die Hand und fing an zu googeln.

Fünf Minuten später sah sie das Accessoire auf ihrem Handydisplay. Es war eine Twist Belt Chain Pouch, 1.490,00€. 


Gebannt nahm sie die Tasche in die Hände, entfernte die Schutzverpackungen und die Plastikfolie, die zum Kratzschutz auf dem goldenen Emblem angebracht war. “Die gehört mir", formte sich ein Gedanke aus. Euphorisch schwang sie die Tasche um ihre Schulter und betrachtete sich in ihrem schmalen langen Ikea Spiegel. Schon immer hatte sie von einer Designer-Handtasche geträumt. In ihrer Schauspielschule gab es einige reiche Töchter, die ihre Louis Vuitton Neverfull Taschen beim Stimmtraining ganz selbstverständlich neben sich auf den Boden stellten und für die Bafög und Nebenjob unbekannte Vokabeln waren. 


Der nächste Gedanke, der ihr ins Bewusstsein schoss, war ihre prekäre finanzielle Lage und sofort bereute sie das Entfernen der Schutzfolie und Umverpackung. Sie könnte die Tasche verkaufen und hätte auf jeden Fall 1000€ raus, mal wieder zur Zahnreinigung und ihre Klarna Ratenzahlungen tilgen. Die Nebenrolle hatte ihr nur 5000€ gebracht, und das war vor 6 Monaten. Seitdem jobbte sie als Putzhilfe, ging zu Castings in der Hoffnung ein neues Engagement zu kriegen und ab und zu rief sie noch Thomas in Köln an, der ihr, wohl aus Schuldgefühlen für den emotionalen Missbrauch, 200€ per PayPal schickte.


Doch in ihr sagte eine Stimme das sie sich von der Tasche nicht trennen würde,

"Die gehört mir!”

Sie entdeckte eine Karte in den Rosen:

“Danke für den schönen Abend, wann sehen wir uns wieder?Kuss Egon”

Sie nahm ihr Telefon in die Hand und wählte seine Nummer aus der Anrufhistorie aus. Mailbox. 

Sie bedankte sich knapp für das Geschenk und nannte ihn den Donnerstagabend als Vorschlag für das nächste Date. 

Den Rest des Tages schaute sie sich Sugar Daddy Experience Videos auf Youtube an und telefonierte mit ihrem schwulen Freund Paolo. Der war vor Begeisterung außer sich und ermutigte sie: “hol dir alles aus ihm raus girl, yaaaas, alles was geht girl!”


Spät abends kam dann eine SMS:

“Super, ich hole dich um 19Uhr ab, Kuss Egon”


  

Sie hatte wieder ihr kleines schwarzes Kleid an, sie hatte gerade nix anderes; dazu schwarze Pumps und ihre neue LV Tasche. Sofort fühlte sie sich aufgewertet, besonders und exklusiv. Zwei Spritzer Christina Aguilera by Night, das einzige billige Parfum von dm, das nicht nach Nutte roch. 


Punkt 19 Uhr klingelte ihr altes Iphone, aus dem Hörer kam Egons Stimme “bin da mein Schatz”


Vor der Eingangstür ihres Wohnhauses parkte ein silber-champagnerfarbenes Mercedes S-Klasse Coupé und Egon saß am Steuer. Mit einem kleinen Hops glitt sie in  den weichen Ledersitz, sie gaben sich Küsschen zur Begrüßung. 


Sie fuhren ins Cavallino Rosso auf der Hannoverschen Straße, ein Parkplatz war schnell gefunden und beim Gehen legte Egon seine Hand auf ihren unteren Rücken. "die Tasche sieht toll an dir aus", flüsterte er ihr ins Ohr. So anmutig wie möglich lief sie auf ihren Discount-Pumps vor ihm her. Der Maitre’D schien Egon zu kennen und wies den beiden ohne viele Worte einen guten Tisch am Fenster zu.

Sie aßen Spaghetti mit weißem Trüffel und tranken Weißwein. 


Diesmal reden sie über Geschichte, insbesondere die Medici. 

Jasmi hatte eine Doku auf Arte darüber gesehen, an Egons leuchtenden Augen bemerkte sie, dass das Thema eine gute Wahl war. 

Egon hatte neben Jura, 2 Semester Geschichte studiert und sie hörte ihm fasziniert zu. Ein begeistertes Kribbeln fuhr ihr durch den Körper. 

“Ein solch intelligenter Mann” dachte sie. 


Die Männer, die sie bei verschiedenen Events der Filmbranche kennenlernte, waren meistens Schauspieler; notorische Narzissten mit einem alles verschlingenden Drive voranzukommen. Sie brachten zum Sexdate keinen Wein mit und aßen am Morgen danach auch noch ihr letztes Brot. 




Zum Dessert gab es Limoncello Mousse und Espresso.

“Kommst du mit zu mir” fragte Egon sie als sie bereits wieder im Auto saßen,

“gerne” sprach sie leicht schüchtern


Sie wusste, was nun kommen würde, Time to Pay. Sie war bereit.

Der Weißwein hatte ihre Hemmungen gelöst und Sorgen über Karriere, Geld und Zukunft waren, spätestens mit der Limoncello Mousse, endgültig aus ihrem Bewusstsein verbannt.


Egon wohnte in einem hochmodernen Wohnkomplex an der Friedrichstraße, Tiefgarage inklusive. Der Aufzug fuhr ins Penthouse.

Sie kamen in eine große Loftwohnung, 200m2 schätzte sie. Die Räume waren stilvoll mit dunklen Designermöbeln eingerichtet und über der beigen Ledercouch hing ein Beuys. 


“Setz dich doch gerne", wies Egon sie höflich an und verschwand hinter eine der vielen weißen Türen. 

Sie setzte sich auf die beige Couch und ihre Augen erkundeten neugierig den Raum; am Fuße eines bodentiefen Fensters erblickte sie eine 1,80 m hohe Skulptur - ein Terrakottakrieger - bemerkte sie. Aus der Ferne ertönte ein dumpfes Plopp und kurz darauf kam Egon mit 2 Champagnerflöten und einer Zigarre im Mundwinkel zu ihr. 

“Rauchst du?” fragte er und entzündete sich mit einem goldenen Du Pont Sturmfeuerzeug seine Zigarre an. 

“Ab und zu” entgegnete sie und nahm eine Schachtel R1 Slims aus ihrer kleinen Handtasche. Vor lauter Aufregung hatte sie wieder angefangen, wie damals mit Thomas.

Er gab ihr Feuer und eine Weile blickten beide leer an eine Wand, schlürften den Champagner; Rauchkringel stiegen an die Decke.


“Wie lange bist du schon Single?" frage er “ich seit 2 Jahren”

“Ach schon  länger, ich habe nicht so viel Glück mit den Männern", entgegnete sie. "Verstehe", entgegnete er. 

Die Slim Zigarette war aufgebraucht und sie nippte nun an ihrem Glas.


Die schwarzen Pumps glitten von den Füßen und sie legte ein Bein unter sich. Mit dem anderen Bein berührte sie leicht seinen Unterschenkel.

Sie säte bewusst Funken. 

Erregung machte sich in ihr breit, auch wenn Egon nicht ihr Typ war, die Neugierde siegte. Die Wohnung, die Kunst und der Champagner; ein erotischer Status.

Er legte seine Zigarre in den Aschenbecher und begann sie zu küssen, den Geschmack von Cognac und Cohiba.

Sie gingen ins Schlafzimmer und es nahm seinen Lauf.

Er spürte ihre Nässe und drang in sie ein; gekonnt stöhnte sie auf.

Nach 5 Minuten war es vorbei und sie lagen nebeneinander auf weicher Bassettbettwäsche.


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Zwei Jahre waren bereits vergangen, Jasmin war nun Egons Mädchen.

Nach dem Abend in seiner Wohnung folgten weitere Geschenke, Spaghetti Vongolé und viel Champagner. Er holte sie regelmäßig in seinem Coupé ab und fragte immer: "Wohin, mein Schatz?”

Beim fünften Treffen sagte sie schüchtern “ins KADEWE” und er antwortete “gerne mein Schatz”. 

Zaghaft wählte sie  Kleider, Schuhe und eine Tasche. 

Es fühlte sich alles ganz selbstverständlich an, sie gewöhnte sich daran und verlor ihre kleinbürgerliche Scham. Manches mal sagte Egon auch “such dir heute mal 4 Teile aus, ich mag runde Zahlen”


Mittlerweile schien ihre Karriere stagniert zu sein. Es kamen einfach keine neuen Angebote. Egons  Geld bezahlte Schauspiel- und Gesangsunterricht, sie ging auf alle Castings, aber es passierte einfach nichts.

Junkie- und Barfrau Rollen nahm sie nicht mehr an, denn so würde sie ja nie vorankommen, bleute ihr Egon ein. Die Tattoos wurden in schmerzhaften Laser Sitzungen weggebrannt. Außerdem ging sie regelmäßig zur Kosmetik und nach langem überlegen ließ sie sich von Egon eine Nasenkorrektur bezahlen, bei einem Spezialisten, den er wohl aus seinen Kreisen kannte.


Nach 6 Monaten sagte er ihr “Ziehst du bei mir ein?" dann muss ich nicht immer nach Neukölln um dich abzuolen”

Sie sagte ja.




Irgendwann gab sie auf, der Moment war schleichend, sie merkte es nicht richtig. Es war wie ein Umschwung der Energie, wie der Wind, der sich ganz unbemerkt zu drehen schien. 


Anstatt ihre Gesangsübungen zu machen, ging sie nach dem Sport lieber in die Boutiquen, um zu schauen, was es Neues gab.

Im Privatclub, dem Soho House, zu dem Egon ihr eine Membercard gab, besuchte sie das SPA und lernte andere Frauen kennen, die auch das Mädchen von irgendwem waren. Statt “welches neues Projekt wird gerade gecastet?” änderten sich ihre Gesprächsthemen zu “kennst du schon dieses Facial?”

Selbst Botox, der Tod jedes Schauspieler-Gesichts, ließ sie sich irgendwann spritzen, denn die Zigaretten und der viele teure Alkohol forderten ihren Tribut.

Sie war nun 33. 


“Was ist mit mir geschehen?!” fragte sie sich und der warme Ledersitz fühlte sich plötzlich wie ein Käfig an. Die Rolex an ihrem Handgelenk, die Diamant-Stecker in ihren Ohren, das Miu Miu Outfit; alles schien sie vor lauter Schwere zu erdrücken. Es war als würde eine Anakonda sie immer fester umschlingen. Sie fuhr die Scheibe herunter, sie brauchte Luft….


Wie lange würde es mit Egon noch so weitergehen? Sie kannte Geschichten von Mädchen deren Wohnungsschlüssel plötzlich nicht mehr gingen und die vor den Türen der Penthouses plötzlich, ordentlich von den Haushälterinnen gepackte, Koffer vorfanden. Mit Abschiedsgrüßen und 20.000€ Schecks.




“Wir sind da” hörte sie den Fahrer sagen, sie stieg aus dem Mercedes aus und in den Aufzug ein”







Ende.













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